Zwischen Kellerfund und Hygienetest – Wie sich die organische Belastung eines Fotoalbums bestimmen lässt

Die konservatorische Betreuung von Neuzugängen beginnt in einem Museum häufig mit einer grundlegenden Frage: Ist ein Objekt mikrobiell belastet? Gerade bei Materialien, die über längere Zeit unter ungünstigen klimatischen Bedingungen gelagert wurden, ist diese Einschätzung entscheidend für das weitere Vorgehen.

So auch bei einem Fotoalbum aus dem Nachlass von Kurt und Ernst Schwitters, das 2023 gemeinsam mit anderen Objekten aus einer Kellerlagerung in das Sprengel Museum gelangte. Solche Lagerorte sind aus konservatorischer Sicht problematisch: erhöhte und schwankende Luftfeuchtigkeit, geringe Luftzirkulation und mögliche Feuchteeinträge begünstigen mikrobielles Wachstum. Visuell zeigte das Album keine flächigen, aktiven Schimmelkolonien. Auffällig waren jedoch ein muffiger Geruch und allgemeine Oberflächenverschmutzungen.

Schimmel stellt in der Papier- und Fotokonservierung ein besonderes Problem dar. Er kann sowohl das Material schädigen als auch die Gesundheit der bearbeitenden Personen beeinträchtigen. Schimmelpilze nutzen organische Bestandteile wie Zellulose, Gelatine, Stärke oder Klebstoffe als Nährstoffquelle – also genau die Materialien, aus denen Papier, Karton und fotografische Schichten bestehen. Die Folgen sind unter anderem Festigkeitsverlust und Verfärbungen. Einmal entstandene Schimmelschäden sind in der Regel irreversibel und lassen sich konservatorisch nur begrenzt stabilisieren. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, die organische Belastung eines Objekts möglichst objektiv einzuschätzen.

Ein Verfahren, das hierfür eingesetzt werden kann, ist die ATP-Messung mit einem sogenannten Lumitester. Das Gerät stammt ursprünglich aus der Lebensmittelindustrie und dient dort der Hygienekontrolle von Oberflächen. Es misst Adenosintriphosphat (ATP), eine Substanz, die in allen lebenden Zellen – aber auch in abgestorbenen Mikroorganismen und Zellresten vorkommt. Über eine biolumineszente Reaktion wird ATP nachgewiesen. Die Intensität des Signals wird in relativen Lichteinheiten (RLU) angegeben und gibt Auskunft über die vorhandene organische Belastung. Der Lumitester unterscheidet dabei nicht zwischen lebenden und abgestorbenen Mikroorganismen, sondern erfasst ATP aus beiden Quellen – ein wichtiger Aspekt, da auch inaktive Schimmelbestandteile gesundheitlich relevant sind. In der Lebensmittelindustrie gelten Werte von 0–100 RLU als unbedenklich und Werte über 300 als kritisch. Auf konservatorische Fragestellungen lassen sich diese Grenzwerte natürlich nicht eins zu eins übertragen. Hier werden Werte von über 1000 RLU als problematisch betrachtet.

Im Fall des Fotoalbums wurden Messungen mit sterilen Tupfern sowohl außen als auch im Inneren des Albums vorgenommen. Die sorgfältige Festlegung und Dokumentation der verschiedenen Messpunkte ist ein wesentlicher Bestandteil der Methode. Die Ergebnisse zeigten RLU-Werte zwischen 1000 und 4000 RLU. Im konservatorischen Kontext sind solche Werte nicht als besonders hoch einzustufen und stellen keinen eindeutigen Hinweis auf einen aktiven mikrobiellen Befall dar. Sie weisen jedoch auf eine vorhandene organische Belastung hin, wie sie bei Objekten aus längerer Lagerung unter ungünstigen Bedingungen durchaus vorkommen kann. Gerade deshalb sind solche Messungen hilfreich: Sie bestätigen Beobachtungen wie Geruch oder Verschmutzung und unterstützen eine fundierte Einschätzung des weiteren Vorgehens. Ein weiterer Vorteil der Methode liegt in der Möglichkeit, Reinigungserfolge zu dokumentieren. Durch Messungen vor und nach der Trockenreinigung konnten im vorliegenden Fall sinkende RLU-Werte festgestellt werden.  Der Effekt der Maßnahme ließ sich damit nicht nur visuell, sondern auch messtechnisch nachvollziehen.

Der Lumitester ersetzt weder mikrobiologische Untersuchungen noch die fachliche Bewertung durch Restaurator*innen. Er kann jedoch als unterstützendes Werkzeug dienen, um Risiken besser einzuschätzen, Maßnahmen zu dokumentieren und den Umgang mit potenziell belasteten Objekten sicherer zu gestalten.

Eva Elisa Wagner

… ist Grafikrestauratorin am Sprengel Museum Hannover sowie als freie Restauratorin für Papier und Fotografie tätig.

BU: Beprobung des Fotoalbums mit einem Teststäbchen (Foto: E. Wagner)